Schönheit als Lebenskunst

Schönheit als Lebenskunst

In den Wochen des Lockdowns nannte Angela Merkel die Corona-Pandemie eine demokratische Zumutung. Das ist sie in der Tat. Aber nicht nur das. COVID-19 ist auch ein ästhetisches Phänomen. Seit Home-Office und Social Distancing unser Leben bestimmen, bevorzugen viele zwanglose Loungewear statt Anzug oder Kostüm. Und wenn es für das Zoom-Meeting doch eine Bluse sein soll, gilt man schon als gut angezogen, wenn auf ihr keine Falten zu sehen sind. Zudem zweifeln immer mehr Frauen am Sinn ihrer Beauty-Routine. Wozu Foundation, Rouge, Eyeliner, Lidschatten, Mascara und Lippenstift, wenn sie hinter der Maske verschwinden oder auf einem Monitor kaum zu würdigen sind?

Nichts gegen Oversized Hoodies, Wollsocken oder einen unkomplizierten No-Make-up-Look. Aber sind Mode und Kosmetik ernsthaft nur Äußerlichkeiten? Wer das denkt, hat wohl noch nie wahren Gefallen an ihnen gefunden. Oder steckt schon zu lange in der Corona-Lethargie fest und hat vergessen, wie viel Spaß ein neuer Style bereiten kann. Beispielsweise schicke Schuhe statt alte Sneakers, selbst wenn man in ihnen nur den Einkauf erledigt. Brust raus, Schultern zurück, Rücken gerade – Schritt für Schritt wird klar, dass es in Fashiondingen weniger um die anderen geht, sondern vor allem um sich selbst, dass die äußere Form nach innen wirkt und Haltung verleiht. Dazu passt, dass auch der Lippenstift traditionell für mehr steht als lediglich ein hübsches Gesicht. Als Symbol der selbstbewussten modernen Frau leuchtete er beispielsweise signalrot auf den Lippen der Suffragetten, die Anfang des 20. Jahrhunderts durch New York zogen, um für ihr Wahlrecht zu demonstrieren. Was also wäre ein Leben ohne die Macht des Schönen und die Lust an ihr? Nichts als trist. Während der Pandemie, die uns mit ihren Abstandsregeln in Schach halten, das soziale Leben ins Digitale drängen und uns unserer Körperlichkeit

berauben will, ist es deswegen wichtiger denn je, sie zu feiern. Und paradoxerweise kann uns dies gerade jetzt besser gelingen, als viele glauben. Corona erinnert uns nämlich daran, wie fragil nicht nur die Gesundheit ist, sondern auch das Schöne, macht uns empfänglich für die Kostbarkeit jener Augenblicke, in denen es uns zuteil wird. Was daraus folgt, liegt auf der Hand: Statt aus Sorge vor Corona zu erstarren, sollten wir auf das setzen, was die Philosophie der Lebenskunst Selbstsorge nennt. Und damit ist kein schnöder Selbstkult gemeint, sondern eine facettenreiche Selbstkultur mit dem Ziel, Schönheit wo immer möglich ausfindig zu machen. Geht es also umden ästhetischen Reiz im Verborgenen? Auch. Vor allem aber geht es um eine tief empfundene Schönheit, die das Bejahenswerte darstellt, um dessentwillen es sich zu leben lohnt. Und das kann alles Mögliche sein. Eine besondere Musik. Die Grazie einer Landschaft. Die Dynamik eines gelungenen Abends. Oder der Blick auf den eigenen Körper.

Die Frage »Bin ich schön?« ist darum nicht zwingend eitel, sondern erkundigt sich nach der Beziehung des Selbst zu sich. Was bedeutet: Ein schöner Körper versteht sich in erster Linie als bejahenswert statt nur allgemeinen Normen zu entsprechen. Corona ist eine Zeit, diesen Zusammenhang zu begreifen und sich um den eigenen Körper zu kümmern. Gerade jetzt müssen wir ihn als Organismus eigenen Rechts respektieren – und nicht als vernachlässigbares Objekt betrachten, das lediglich zu funktionieren hat. Wellness, Yoga und andere Arten eines achtsamen Umgangs mit dem Körper sind somit viel mehr als angenehme Freizeitbeschäftigungen. Sie sind Wege, den Körper als das zu sehen, was er ist: ein unverzichtbares Medium, um uns selbst und die Schönheit der Welt erfahren zu können. Und das ist es, was wir heute so dringend brauchen.

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