»Kölsche Oasen«

Nippes – kölsche Veedelskultur im Früh »Em Golde Kappes«

Die Reise durch die kölsche Veedelskultur geht weiter
von Lars Albat

 

Die Reaktionen waren derart begeistert, dass wir gar keine andere Wahl hatten. Es war, als hätten die Maßnahmen des »Social Distancing« die Liebe des Kölners zu seinem Veedel, seinen Mitmenschen, dem so archetypischen Umfeld aus Geschäften und Lokalen, Architektur und Geschichte nur noch potenziert. Als hätte jeder Leserzuschrift ein und dieselbe Musikdatei angehangen:

»Wat och passeet, / dat Eine es doch klor: / Et Schönste, wat mer han / schon all die lange Johr / es unser Veedel, / denn he hält mer zesamme, / ejal, wat och passeet. / En unserem Veedel.«

Selbstredend haben uns die Errungenschaften der modernen Technik die Tage und Stunden in den heimischen vier Wänden ein wenig erträglicher gestaltet, doch: Digitale Kommunikation, Online- Workout oder virtuelles Feierabendbierchen ersetzen nicht das Verzällcher op d‘r Eck. »Social Distancing« und kölscher Frohsinn sind wie Feuer und Wasser. Eine harte Probe für das hiesige Gemüt. Umso größer war denn auch unsere Sehnsucht, die Stippvisiten durch die heiß und innig geliebte Veedelskultur fortzusetzen …

Am Puls der Stadt oder … Alle Wege führen in die City

Sie ist und bleibt das Aushängeschild einer jeden Metropole: die City mit ihren historischen, kulturellen und gastronomischen Wahrzeichen sowie ihrem flächendeckenden Einzelhandel. Dom und WDR, Philharmonie und Museen, Rhein, Kallendresser und Brauhäuser – und rundherum die pulsierenden Einkaufsmeilen samt ihrer unzähligen Seitengässchen und Parallelstraßen bis hin zur »Goldenen Meile« Mittelstraße sowie ihren Pendants Pfeil-, Ehren- und Apostelnstraße plus Friesenwall und St. Apern, in denen der inhabergeführte Einzelhandel dem klassischen Großstadtangebot seine bunte Vielfalt verleiht. Unser Tipp: Genießen Sie in den frühen Morgenstunden ein Tässchen Kaffee am Neumarkt, wenn die Geschäftsleute aus der Bahn Richtung Arbeitsplatz stromern, das Herz der Stadt zu schlagen beginnt …

 

 

»Die Ehrenstraße – früher eine Straße des täglichen Bedarfs, bis in den 70ern die ersten »Hippie«-Modeläden kamen und die Straße als Carnaby Street Kölns neu erfanden. Heute gibt es auf der Ehrenstraße immer Neues zu entdecken: neben der Mode auch die hervorragende Gastronomie, angesagte Cafés und Weinbars. Es ist für jeden etwas dabei. Denn ein Einkaufsbummel macht Appetit!« Ariane Brendel-Möltgen . PARFÜMERIE MÖLTGEN

 

»Am Neumarkt pulsiert das Einkaufsherz der Stadt. Ich freue mich jeden Tag aufs Neue über das bunte Treiben und die Vielfalt der Geschäfte. Und habe ich doch mal genug vom Trubel, trinke ich zum Entspannen einen Kaffee im Café Lichtenberg.« Angela de Jager . NEUMARKT GAlERIE 

St. Agnes, Herz des Agnesviertels

St. Agnes, Herz des Agnesviertels

Mit »ohne Helm« – Das Miteinander im Agnesviertel

Sankt Agnes, Kölns zweitgrößte Kirche mit ihrem markanten Turm ohne »Helm«, markiert das Zentrum eines gar eigenwilligen Veedels: auf der einen Seite prächtige Gründerzeithäuser und das imposante Oberlandesgericht, auf der anderen profane Neubauten und ergraute Altbauten. Entsprechend heterogen ist das Stadtbild mit seiner trendigen Einzelhandels- und Gastroszene, die dennoch nicht die Bodenhaftung verloren hat: Alt und Jung, Reich und Arm, Hip und Arriviert in modernem Flow, wenn das Luxus-SUV geduldig hinter der Klüttenkutsche wartet, während die Kindergärtnerin den ihr anvertrauten Zöglingen erklärt, was der alte Mann auf seinem Buckel schleppt.

Hip und urban: Streetart in Nippes

Hip und urban: Streetart in Nippes

Zwesche Kappes un Dollbier – Nippes, der ewige Geheimtipp

Wer sich von Osten durch die Christinastraße dem einzigen täglich statfindenden Kölner Wochenmarkt nähert, entdeckt in ei- ner der letzten Baulücken zwei riesige Wandgemälde. Un watt jitt et? Kappes! Kohl noch und nöcher, die ehedem heiße Ware vun Neppes. Noch heißer war allerdings dereinst noch das mit berauschenden Kräutern versetzte Dollbier, weswegen sich die Stadt 1670 dazu gezwungen sah, dem Kölner die Zechtour vor die Stadtfesten strengstens zu untersagen. Und heute? Berauschen sich die Nippeser auf ihre ureigene Art an sich selbst: Sie p egen ihre heimelige Kneipenkultur, erfreuen sich der gewachsenen Multikulti-Aura, zelebrieren ihre eigene kleine Kreativszene und genießen, dass sie eigentlich alles haben, was sie brauchen. Lieber geheim als Tipp.

Brunnen vor der Marienburg

Brunnen vor der Marienburg

Architekturgeschichte pur – Kunstwerk Marienburg

Zwischen Bayenthalgürtel und Forstbotanischem Garten, Bonner Straße und Rhein gelegen, ist speziell der noble Teil Marienburgs dem gemeinen Kölner genauso fremd wie dem Touristen. Dabei ist ein Spaziergang durch das Villenviertel mit seinen romantischen Straßennamen gerade aus architektonischer Sicht mehr als lohnenswert; Ausgangspunkt selbstredend der einstige Gutshof Marienburg. Vom Historismus über den Jugendstil über den Expressionismus bis hin zu avantgardistischen Neubauten, wie der früheren Galerie Gmurzynska, durfte sich hier die lokale, nationale wie internationale Crème de la Crème der Gattung im Sinne des »kölschen Adels« verewigen. Ein Veedel wie ein Gesamtkunstwerk.

Kölns Möbelmeile am Kaiser-Wilhelm-Ring

Kölns Möbelmeile am Kaiser-Wilhelm-Ring

»Night And Day« – Die Ringe und ihr eigener Rhythmus

Köln hat nicht nur »de Rhing«, sondern auch »sing Ringe« – wobei man dem Immi gemeinhin erstmal erklären muss, dass es sich hierbei um eine einzige, entlang der mittelalterlichen Stadtmauer verlaufende Straße mit unterschiedlich benannten Abschnitten handelt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert als Prachtboulevard angelegt, waren die Ringe 100 Jahre später im zwielichtigen Nachtleben versumpft. Zumindest wenn das Licht angeht, sieht die Welt heute jedoch wieder ganz anders aus. Nicht zuletzt die Interior-Design-Szene mit so renommierten Namen wie Becker Interior, Giorgetti, Hei- der Wohnambiente, Ligne Roset oder Pfannes & Virnich hat der Verkehrsader ein neues Antlitz verliehen, was dem Part zwischen Hansaring und Zülpicher Platz heute zu dem wertigeren Spitznamen »Möbelmeile« verholfen hat.

Statthalterhofallee in Junkersdorf

Statthalterhofallee in Junkersdorf

Urbanes Idyll – Die »Herrlichkeit Junkersdorf«

Was beneideten die Vorstädter ihre Freunde aus Junkersdorf. Während die einen an irgendwelchen verlassenen Bushaltestellen den Daumen raushalten mussten, konnten die anderen ganz urban in die KVB einsteigen. Dabei kamen die doch selber aus einem Dorf … Und genau das macht Junkersdorf heute mehr denn je zu einem der beliebtesten Stadtteile Kölns: Im Jahre 962 erstmals urkundlich er- wähnt, wandelte sich die »Herrlichkeit Junkersdorf« (als freie Herrschaft im Erzstift Köln) mit ihrer mittelalterlichen Kirche sowie der eigentlichen »Keimzelle«, den historischen Gutshöfen, erst mit der städteplanerischen Idee einer »Gartenstadt« samt Stadion und Sporthochschule: Das Bauhaus zog ein und verlieh dem »Nest« seinen besonderen Charme zwischen Dorfdyll und modernem Großstadtleben.

Eventlocation »Bauwerk.Köln« in Kalk

Eventlocation »Bauwerk.Köln« in Kalk

Schäl Sick ist schick – Kalk im Wandel

Eines der, wenn nicht das spannendste Veedel in der Stadtgeschichte: Bis zur Industrialisierung aus nur ein paar Höfen und einer Pilgerkapelle bestehend, boomte das Vorörtchen zum wohlhabenden, 1910 eingemeindeten Industriestandort – der im Zweiten Weltkrieg in Schutt und Asche gelegt wurde. Mit der Rezession in den 70ern schien Kalk endgültig in der Bodenlosigkeit zu versinken. Arbeits- losenquote und Kriminalitätsrate erklärten das Viertel zum multikulturellen Pulverfass, ohne sein Potenzial zu erkennen – das heute dank städtischer Aktionen wie »Schäl Sick ist schick«, der Förderung von kleineren und mittelständischen Unternehmen zu neuem Leben erblüht: zwischen und in aufwendig revitalisierten Industriedenkmälern mit urbanem Flair sowie faszinierend-geschichtsträchtigen Gründerzeithäusern.

»Schubladendenken ist ein Kreativitätskiller? Von wegen! Die Eventlocation Bauwerk.Köln gibt Schubladendenken eine völlig neue Bedeutung – und wandelt es in ein einzigartiges Raumkonzept um. Was von außen durch eine denkmalgeschützte Backsteinfassade besticht und Industriecharme vermuten lässt, verbirgt im Innern eine raffinierte und hochmoderne Architektur.« Karin leiste . BAUWERK.KÖLN

Köln lebt. Köln pulsiert. In seinem urbanen Herzen wie an seinen dörflichen Rändern. Doch so idyllisch es dort auch sein mag, die wahre Entschleunigung wartet erst draußen vor den Toren der Stadt. Die Peripherie ist unsere Grüne Lunge, unser lukullischer Speckgürtel. Hier laden wir auf, auf unseren Wochenendausflügen, den kurzen Trips ins Blaue – um wieder mit Leib und Seele in die heimelige Veedelskultur einzutauchen.

»Auf den Hallerhof zu kommen, ist ein bisschen wie Urlaub zu machen vor den Toren Kölns. Entschleunigen und genießen: die gute Luft, die Ruhe und unsere frische regionale Küche. Dafür lohnt der Ausflug ins Grüne«.
Karl-Rainer Peters HALLERHOF RESTAURANT & BIERGARTEN

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