»Et Hätz schleiht im Veedel«

Büdchenkultur in Braunsfeld: das »Köski Royal«

Eine kleine Reise durch die Kölner Veedelskultur
von Lars Albat

Nicht von ungefähr hat ihnen der Kölsche Fasteleer in diesem Jahr sein Motto gewidmet: Mehr als seine Stadt liebt der Kölner nur noch sein Veedel. Hier schlägt das Herz, hier lebt der Mensch – nicht in der durch und durch vernetzten, digitalisierten, globalisierten Welt. Die reale, alltägliche Begegnung, die tatsächliche Nähe und die zwischenmenschliche Wärme, der herzliche Austausch zwischen echten, lebendigen Charakteren – keinen Avataren oder Fake-Identitäten – markieren das wahre, wahrhaftige Leben. Oder wie es Wilhelm von Humboldt formulierte:

»Im Grunde sind es immer die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben.«

So sind es die Bewohner, die einem jeden der 86 Veedel Kölns die archetypische DNA, eine ureigene Identität verleihen – ohne sich dabei auf die Weiterreichung von Traditionen zu beschränken. »Natürlich« begeistert ein jedes Veedel durch seine Phänomenologie, seine Entwicklung, seine Eigenarten, sein Bewusstsein. Aber dies dennoch weltoffen, in einem globalen Selbstverständnis. Multikulturalität und das World Wide Web sind auch hier Quell der Inspiration – aber eben typisch kölsch: auf Basis eines humanen, wertschätzenden Austauschs, ohne Rechenschieber und Statusskala.

In der zwischenmenschlichen Begegnung, dem offenen Miteinander liegt die Kraft: Lokal trifft Global, Tradition Moderne, Wertebewusstheit Innovation – bei Alt wie Jung, gemeinsam. Begleiten Sie uns durch einige unserer Lieblingsveedel und lassen Sie sich von ihren Besonderheiten und Stimmen zu einem Besuch inspirieren. Wir lieben unsere Stadt – mit all seinen Veedeln.

Ein gallisches Dorf … oder die »City« lebt doch

Was gemeinhin als Altstadt-Nord firmiert, ist wohl rein typologisch am wenigsten als Veedel zu bezeichnen; zumindest, wenn man nur Dom und Shopping-Meilen, Kultur- und Vergnügungstempel ins Auge fasst. Und doch findet hier ein eigenständiges Leben statt. Gemeinsam trotzen Bewohner und inhabergeführter Einzelhandel mit hartnäckigem Feinsinn und unerschütterlicher Lebensfreude dem achtlosen Konsumwahn und seinen »Heerscharen« – in einem so geselligen wie widerstandsfähigen Miteinander, das sich am schönsten auf den Wochenmärkten an Rudolfplatz und Apostelnkloster beobachten lässt.

»Im inhabergeführten Einzelhandel erleben Sie nicht nur ein Produkt, sondern Kompetenz und Leidenschaft. Erst dadurch wird es unverwechselbar und individuell.«
Holger Baetzen . SCHMUCK + FORM KÖLN

»Dä längste Desch vun Kölle«, Südstadt

Mehr als »nur« Musik und Kunst – die Südstadt

Dachte man an die Südstadt, dachte man an die Fööss, BAP, Künstlerateliers, sozial verschworene Kneipengemeinschaften und Kleinkunst. Das ist auch heute noch so, aber: Legendäre Institutionen aus Gastwirtschaft, Einzelhandel und Dienstleistung werden »aufgemischt« von avantgardistischen Trendsettern aus allen Branchen und Strömungen. Quirlig-bunt und ausgesucht-individuell geht es heute em Veedel zu – ohne seinen kultigen Geist zu nivellieren. Im Gegenteil. Er ist die Basis dafür, dass zum Beispiel eine Bonner Straße zu ganz neuem Leben erwacht.

»Unsere Werkstatt mit sonnigem Innenhof und die Luftpumpe vor dem Geschäft sind beliebte Treffpunkte der Südstadt – ganz im Hier und Jetzt, unvirtuell eben ;-).«
Peter Dedenbach . STADTRAD

Mit Esprit und Genuss – das Belgische Viertel

Es hat seine Gründe, dass einer der beliebten »Lebensart Food Walks« allein diesem Veedel gewidmet ist. Rund um den Brüsseler Platz hat die hier ansässige junge Kreativszene die Genusskultur für sich als ›Spielplatz‹ entdeckt – und das Belgische zum aktuellen Kultviertel Kölns gemacht: Inmitten stylisher Modeboutiquen, facettenreicher Schmuckdesigner und einer vielfältig-genialischen Welt der Accessoires öffnet sich ein lukullischer Mikrokosmos, der das vermeintlich »Einfache« genauso wie das Erlesen-Exotische mit Leidenschaft, Pioniergeist und Feinsinn als Geschmackserlebnis zelebriert. Und das gilt für alle Branchen.

»Das Belgische Viertel ist wie ein kleiner Mikrokosmos mitten in der Kölner Innenstadt – man überquert die Ringe und ist in einer anderen Welt. Abseits allen Mainstreams gibt es hier beim entspannten Umherschlendern so viel zu entdecken. Wenn ich morgens, bevor ich in den Laden gehe, meinen Kaffee draußen an St. Michael trinke, fühle ich mich sofort entschleunigt.«
Rita Geberzahn-Haus . MATA COLOGNE

Einkaufen auf dem Braunsfelder Wochenmarkt

Elegant und bodenständig – grünes Braunsfeld

Die Zeiten, als man nicht rechts, nichts links guckte, wenn man die Aachener Straße aus den westlichen Vororten gen City schaukelte, sind längst passé. Restaurants und Cafés, Mode und Schmuck, Feinkost und Bücher, Kinderläden und Concept Stores säumen heute die einstige Einfallstraße. Und das nicht von ungefähr: Unter anderem das schmucke Gartenstadt-Idyll des Pauli-Viertels sowie die Lage direkt am Stadtwald haben der historischen Bodenständigkeit Braunsfelds moderne Eleganz verliehen. Ein echtes Muss: der Samstagsmarkt auf der dann gesperrten Kitschburger Straße mitten im Grünen.

»Braunsfeld ist dörflich und stadtnah zugleich, ideal für Shopping vor der Haustüre, die Anwohner kaufen hier nicht nur Lebensmittel, sondern auch Mode, Einrichtungen, Kosmetik und … Schmuck. Das ist wunderbar!«
Stefanie Spiegel . GOLDSCHMIEDEMEISTERIN STEFANIE SPIEGEL

Bildung und Bürger – in Sülz und Klettenberg

Der Begriff des Bildungsbürgertums erscheint heutzutage erstaunlich antiquiert. Mal abgesehen davon, dass unsere Gesellschaft aktuell davon durchaus mehr gebrauchen könnte, zeigt sich in Sülz und Klettenberg, dass diese Gattung mitnichten vom Aussterben bedroht ist. Im Dunstkreis der Universität, rund um Berrenrather, Luxemburger und Sülzburgstraße, pulsiert der Zeitgeist. Der »Nachwuchs« ist eingezogen, verleiht den altehrwürdigen Häusern mit jungen Geschäftsideen und modernem Gemeinsinn so innovatives wie charmantes Flair.

»In ›Beverly Sülz‹ fühlt man sich zuhause. Hier leben Studenten, Rentner und alteingesessene Familien. Sülz bietet genügend grüne Flecken zum Entspannen, aber auch pulsierende Einkaufs-Adern zwischen Luxemburger und Zülpicher Straße. Wir fühlen uns einfach wohl in Sülz und sind füreinander da!«
Robin Müller EUPHONIA

Straßenfest »Lindenthaler Flair«

Luxus Lindenthal … oder Lebensqualität pur

Nicht von ungefähr gilt Lindenthal als eines der beliebtesten, wenn nicht das beliebteste Wohnviertel Kölns. Die Dürener Straße ist eine Art Herzschlagader des guten Geschmacks – von Feinkost über Weine bis zum Supermarktsortiment, von Mode und Schmuck über Interior Design und Lifestyle-Accessoires bis zur Gastro-Szene. Lebendigkeit und Niveau sorgen dafür, dass die Nähe zur City keine Einbahnstraße ist beziehungsweise das muntere Treiben eigentlich nie zur Ruhe kommt – aber dafür hat der Lindenthaler ja das beschauliche Idyll des Rautenstrauchkanals.

»Die Lindenthaler haben es gut! Sie leben in einer der beliebtesten Regionen Kölns. Hier verbindet man rheinische Lebensfreude mit familiengerechter Wohnkultur auf hohem Niveau. Hier bin ich gerne! Jeder kennt jeden auf der Dürener Straße in Köln-Lindenthal!«
Rüdiger Diedenhofen . BRILLEN-GALERIE KÖLN

Rodenkirchen … oder 50996 Köln-Sylt

Die Sonne strahlt. Gevatter Rhein mäandert funkelnd an Buchten und Uferpromenade vorbei. In der Gastronomie, auf wie am Wasser, vereinen sich Flair und Chic zu einer légère-eleganten Melange aus Sylt und Côte d‘Azur – während sich auf Hauptstraße und Maternusplatz das alltägliche Veedelsleben abspielt. Hier treffen sich die Rodenkirchener, Marienburger, Weißer, Sürther und Hahnwälder in den Boutiquen, Cafés und Restaurants sowie auf dem zweimal wöchentlich stattfindenden Markt. Sie sprechen dann davon, »ins Dorf zu gehen«, was alles sagt über seine einzigartige und doch so kölsche Veedelskultur.

Erlebnis auf der Schäl Sick: der Tanzbrunnen in Deutz

Glokaler Hotspot – Schmelztiegel Deutz

Von wegen »Schäl Sick«! Nicht nur dass der Kölsche »an sich und für sich und an und für sich« eigentlich von diesseits des Stroms stammt, hier entpuppt sich Köln als so wahrer wie krasser glokaler Melting Pot: Touristen wie Einheimische genießen den Ausblick von der neu gestalteten Promenade, in den restaurierten Messehallen treffen sich Spezialisten aus aller Herren Länder, während sich in der KölnArena internationale Topstars die Klinke in die Hand geben. Und gleich nebenan: die gute alte »Deutzer Freiheit«, die dem weltstädtischen Treiben mit ihrer ureigenen lokalen Muße begegnet.

»Deutz ist wohl der sich am stärksten entwickelnde Stadtteil rechtsrheinisch. Eine attraktive Mischung aus pulsierendem Alltag, wohnen, arbeiten und Naherholungsmöglichkeiten und das alles in zentralster Lage.«
Michael Frank . RAUMAUSSTATTUNG FRANK

Idyll Dellbrück

Wie im Märchen – Idyll Dellbrück

Seen-, Heide-, Park- und Waldlandschaften – mitten im Grünen und doch voll dabei. Der nahezu letzte Außenposten Kölns gen Bergisches Land begeistert mit Natur und gewachsenem Veedelsidyll. Von Lebensmittelfachgeschäften über Mode und Schmuck bis hin zu Cafés und Restaurants sowie dem Wochenmarkt blüht eine autarke Großstadtoase, in der man durch die direkte Bahnanbindung an die City auf nichts verzichten muss. Klingt wie im Märchen? Ist wie im Märchen. Nicht zuletzt in der Märchensiedlung, die in den 20er-Jahren von den berühmten Architekten Faber und Riphahn entworfen wurde und zwischen Holweide und Dellbrück liegt.

»Produktives« Ehrenfeld – Tanz auf den Ruinen

Als Bauernkaff geboren, als Industriestadt groß geworden (und 1888 eingemeindet) begeistert Ehrenfeld heute mit einem multi-heterogenen, hochgradig kreativen wie wertbewussten Flair zwischen Industriedenkmälern, Stuckaltbauten und historischen Drei-Fenster-Häusern. Rund um die ehemalige 4711-Fabrik, Helios-Leuchtturm und Neptunbad hat eine Gastro-Design-Kunst-und-Kultur-Szene eine noch nicht der Gentrifizierung anheimgefallene, sich gegenseitig inspirierende Nische gefunden. Ein Veedel wie ein sich jeden Tag neu erfindender Tanz auf den Grundfesten seiner eigenen Geschichte.

Wie Gott im Speckgürtel – Leben in der Peripherie

Wo sich Hase und Igel Gute Nacht sagen, lebt es sich wie Gott in Frankreich. Draußen vor den Toren Kölns, in unmittelbarer Nähe und doch fernab von Licht- und Lärmsmog, finden gerade junge Familien eine von Natur und Urbanität gleichsam geprägte Lebensqualität. Siedelten sich hier mit der »ausgewanderten« Elterngeneration exklusive Restaurants, Tennis- und Golfclubs an, so wandelt der Nachwuchs nun die so typischen historischen Gehöfte nicht mehr nur in schmucke Behausungen, sondern auch in moderne Biohöfe um. Hier hat man die Natur zu schätzen gelernt. Und das schmeckt man auch.

»Regionale Küche, frische Zutaten, Ambiente, Gastlichkeit: Das macht unsere Verwöhnküche im Grünen aus. Ein Ausflug vor die Tore Kölns, der immer lohnt.«
Chefkoch Carl-Rainer Peters . HALLERHOF RESTAURANT & BIERGARTEN

Fotos: Dä längste Desch: Werbepraxis von der Gathen GmbH; Wochenmarkt Braunsfeld: Matthias Krings/Früchte Krings; Lindenthaler Flair: Krzysztof Swider; Tanzbrunnen: © Volker  Dennebier; Dellbrück: Silke Tent;

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