Zu schön um wahr zu sein

von Wolf Weyergraf

Lebensart bedankt sich bei Katrin Dreissigacker für die freundliche Unterstützung.

 

War es je einfacher, seinem eigenen Schönheitsideal nahezukommen? Wohl kaum. Die Emanzipation von religiösen Zwängen, die Freizügigkeit der Mode, die Fortschritte der ästhetischen Chirurgie und nicht zuletzt die finanziellen Spielräume, um all dies auch bezahlen zu können: Wir besitzen Möglichkeiten der Selbststilisierung, von denen man früher kaum zu träumen wagte. Andererseits existiert seit der Antike eine große irritierende Frage, und es sieht nicht so aus, als hätten wir ihre Antwort endgültig gefunden: Was ist Schönheit überhaupt?

 

Glaubt man dem alten Lateiner Cicero, ist sie ein Ideal, das die Natur nie erreicht. Mit einer Anekdote vom Maler Zeuxis will er dies verdeutlichen. Der wählte, als er die Göttin Helena als Inbegriff weiblicher Schönheit malen sollte, fünf junge Frauen als Modelle aus und malte von jeder nur exakt ein Körperteil: »Er glaubte nämlich, nicht alles, was er zur Darstellung der Schönheit brauchte, an nur einem Körper finden zu können, weil in der Natur kein Einzelwesen vollkommen sei.«

 

Übertrumpfung der Natur

 

Auf diesen Standpunkt haben sich seit der Renaissance unzählige Maler berufen. Sie wählten aus, ließen weg, kombinierten, erzeugten neue Harmonien. Und wenn man es genau nimmt, tun es ihnen heute viele Zeitgenossen gleich. Allerdings nicht mit dem Pinsel, sondern unter Rückgriff auf die Segnungen der modernen Schönheitschirurgie im Umgang mit ihrem eigenen Körper. Durch eine Art idealisierende Imitation versuchen sie die Natur zu übertreffen und sich selbst zu perfektionieren – Exzesse wie lebende Ken- und Barbiepuppen inklusive. Gesichtszüge sollen symmetrisch sein, Brüste in Apfelform Fruchtbarkeit signalisieren, Lippen durch ihre Fülle eine jugendliche Aura verströmen. Doch was passiert, wenn die Menschen sich nicht nur nach den gleichen Idealen sehnen, sondern sie auch immer häufiger in die Tat umsetzen? Dann ist am Ende keiner mehr einzigartig, und die Schönheit wird langweilig.

 

Es deutet manches darauf hin, dass wir gerade einen Moment der Sättigung erleben, in dem das Pendel zurückschlägt. Aus den USA ist etwa zu hören, dass Hollywood-Schauspielerinnen mit Brustimplantaten öfters bei Castings durchfallen. Sogar die unwirkliche Leuchtkraft amerikanischer Gebisse steht auf einmal in der Kritik: Wie die New York Times berichtet, wächst der Bedarf an Verblendschalen, die mehr auf natürliche Transparenz und leichte Überlappungen setzen. Dazu verzichtete der vorletzte Pirelli-Kalender auf nackte Vamps und ließ stattdessen von Starfotografin Anne Leibovitz betagte mollige Frauen ablichten.

 

Natürlich sind solche zur Schau gestellten Unvollkommenheiten perfekt inszenierte Feldzüge. Kleine, wohl kalkulierte Makel, die in der Lage sind, die sonstige Attraktivität zu unterstreichen und das gängige Schönheitsideal des Ebenmaßes noch interessanter zu machen. Dennoch ist eine Umkehr in der Beautywelt nicht von der Hand zu weisen. Mehr denn je wird Natürlichkeit zum Common sense. Ihr Anspruch: Schönheit wie Hässlichkeit sind keine ethisch irrelevanten Eigenschaften, sondern erfordern eine tugendhafte Haltung, die es uns ermöglicht, auch dann eine gute Figur zu machen, wenn wir gar keine haben. Menschen sind letztlich schön, so das neue Credo, wenn sie mit ihrer Erscheinung versöhnt sind und das auch ausstrahlen.

 

Maßvolle Schönheit

 

Aber bedeutet dies, dass wir Unzulänglichkeiten unseres Äußeren einfach hinzunehmen haben? Dass wir gar nicht daran denken sollen, eingesunkene Brauen zu korrigieren oder eine asymmetrische Brust? Nein. Wir gehen ja auch zum Frisör oder ins Fitnessstudio. Es wäre darum borniert, die plastische Chirurgie in Bausch und Bogen zu verdammen. Aber weil sie heute imstande ist, fast jedes Schönheitsideal zu verwirklichen, sollten wir keine seelenlose Makellosigkeit anstreben, sondern die Proportionen wahren und den individuellen Ausdruck lediglich betonen. Der Markt spiegelt dies im Übrigen wider: Patienten wünschen sich zunehmend punktuelle Korrekturen, die den Gesamteindruck auffrischen und ihre Erscheinung nicht grundlegend verändern.

 

Dieser Trend zeigt sich auch in der Beliebtheit von Behandlungen, die ganz ohne Skalpell auskommen. Der Grund dafür: Heute versteht man, dass ein alterndes Gesicht vor allem den Veränderungen des Fettgewebes geschuldet ist. Nimmt es mit den Jahren ab, fehlt es Haut und Konturen an Spannkraft, ermatten Wangen und Unterlider. Darum sind neue Techniken der Unterspritzung von Hyaluronsäure im Begriff, die eindimensionalen Hautstraffungen abzulösen. Sie bewirken einen ungleich komplexeren Volumenaufbau, der die Schlüsselmerkmale aus der Tiefe heraus modelliert. Das Ergebnis ist ein dezentes Facelift ohne operativen Eingriff.

 

Allein: Erst wenn der Arzt ein Gesicht zu lesen versteht und genau erkennt, welche Züge den Jahren zum Opfer gefallen sind, kann er sie zurück ins Gleichgewicht bringen und der Natürlichkeit zu ihrem Recht verhelfen. Denn sonst würde er die Basis von etwas zerstören, ohne das Menschen noch nie wahrhaft schön sein konnten: Charme.