Musterschüler – Feinste Stoffe der Stadt

von Kirsten Bürgstein

Sie liefern Stoff für Veränderung, sind das i-Tüpfelchen jedes Persönlichkeit atmenden Interieurs. Mit Teppichen, Tapeten und Plaids, mit Kissen, Decken und Vorhängen lassen sich Räume in zauberhafte Orte verwandeln – charmant, sinnlich, prägnant.

Starkes Interieur-Design erzählt dabei immer eine Geschichte. Die von den Tagen am Meer, als wir in Frankreich unsere Vorliebe für Salbeigrün entdeckten. Dem Schaufensterbummel durch Neapel, der italienische Cashmere- und Wollstoffe in unseren Aufmerksamkeitsfokus spülte. Oder von der Faszination für den Berberteppich, der schon in den Siebzigern das Jugendzimmer hip machte und heute ein Comeback im Wohnzimmer feiert.

Starker Stoff ist immer persönlich. In jedem Wohnkosmos finden sich darüber hinaus eine Affinität für bestimmte Farben, Formen und Materialien, die uns und unser Sein spiegeln: im Wunsch nach Leichtigkeit oder dem Hang zu Dramatik, der Liebe zu klaren Tönen oder pastelliger Romantik. Für jede Lebensregung die individuelle Entsprechung, der Stoff gewordene Ausdruck. Moden und Trends dienen dabei als Anregung und geben die Freiheit, persönliche Akzente zu setzen, ein eigenes Bild zu schaffen. Die Personalisierung des Wohnraums gilt schließlich als individuelles Bedürfnis aller Kulturen und aller Menschen – ob Tipi, Almhütte oder Schloss. Textilien machen es möglich, leicht und unkompliziert eigenem Stil und Geschmack Ausdruck zu verleihen. So wird jedes Interieur persönlich. Am intensivsten übrigens, wenn Gefühle angesprochen werden. Deshalb gilt:

Starker Stoff inszeniert Emotionen. Das gelingt den neuen Textilstoffen für Vorhänge, Wandbespannungen, Decken oder Kissen mustergültig: Mit Goldornamenten bedrucktes Leder, das rau und glänzend zugleich auftritt, Vorhänge aus fast zerbrechlich scheinenden Edelstahlfäden als beeindruckende Textil-Ingenieurskunst, üppige Stoffqualitäten mit kunstvoll gewebten venezianischen Mustern. Es gibt nichts, das es nicht gibt. Manchem aber reicht schon die Vorstellung, wie Finger sanft über Samt streichen, Seide bei Berührung leicht knistert, ein watteweißer bestickter Baumwollstoff vor dem offenen Fenster weht, um Bilder entstehen zu lassen, Gefühle zu wecken.

Starker Stoff hat individuelle Ausstrahlung. Und die darf aktuell gern natürlich sein. Der neue Hang zur Natürlichkeit bedient unsere Sehnsucht nach Sinnlichkeit, Echtheit und Nachhaltigkeit, nach Ruhe und Rückzug. Stoffe aus Leinen, Hanf, Baumwolle, Viskose oder Seide holen Räume aus der spiegelglatten Coolness vergangener Zeiten und setzen kuschelige »Cosyness« dagegen. »Hygge« nennen es die Dänen – ein Wort, das es schon zum Zeitschriftentitel und allgegenwärtigen Trendthema in Wohnmagazinen gebracht hat. Es geht um das einfache Glück, die Heimeligkeit, Zufriedenheit und Herzenswärme. Genauso sollen unsere Räume sein: Auf den Fußböden liegen wieder aus Naturfasern gewebte Teppiche, weich und wärmend. Vor den Fenster sorgen Vorhänge für Atmosphäre und Schutz vor fremden Blicken, auf Sofa und Bett tummeln sich Kissen, schmeichelnde Decken zieren die Sitzmöbel. Alles ist auf Gemütlichkeit gepolt. Hauptmerkmal all dieser textilen Wohnbegleiter: Es sollte sich gut anfühlen. Unter den Füßen und in der Seele.

Starke Stoffe schaffen Inseln. So könnte verkürzt eine der Regeln erfahrener Interieur-Designer lauten, die mit Textilien Wohnbereiche definieren – Inseln des persönlichen Geschmacks, des eigenen Stils. Nichts eignet sich besser dafür als Teppiche. Die textilen Bodenschätze bestimmen Orte im Raum, schaffen Wohlfühlzonen mit Lounge-Sofa und Tütenlampe, setzen den Esstisch plus Stühle in einen Rahmen, grenzen den Arbeitsbereich der offenen Galerie vom Flur ab. Ganz praktisch schlucken sie Schall, binden Staub und federn Geräusche ab. Mit jeder Faser sorgen sie für Behaglichkeit, optisch wie haptisch, und werten unsere Lebensräume auf.

Der Trend geht dabei eindeutig zu Unikaten oder Einzelanfertigungen, deren Maß, Farbe und Material sich nach individuellen Wünschen richtet. Sehr gefragt sind Vintage-Orientteppichen: bis zu 100 Jahre alte Originale, die liebevoll restauriert, veredelt, gebleicht und neu eingefärbt werden. Patchwork-Varianten nutzen ebenso alte Teppiche aus der Türkei oder dem Iran, die wiederverwertet, neu bearbeitet und zu Unikaten zusammengesetzt werden. Und natürlich gibt es die von hochkarätigen Textildesignern gefertigten Kunstwerke, die so schön sind, dass sie sogar wie Gobelins als Wandschmuck dienen könnten.

Jeder Stoff braucht eine überraschende Wende. Haben Sie schon einmal überlegt, warum ein Raum Ton-in Ton, in dem noch der letzte Kerzenstumpen die Farbe der Vorhänge wiederholt, langweilig wirkt? Der Grund ist einfach: Das Auge gleitet durch den Raum wie über eine endlose Steppe, wird nirgendwo aufgehalten, bleibt nirgends hängen. Das ermüdet. Der Tipp vom Profi: Unterbrechen Sie allzu viel Harmonie und bauen Sie einen Wow-Effekt ein. Ein pinker Samtsessel in einem in dezenten Grautönen gehaltenem Raum, eine mit üppigem englischen Rosenmuster tapezierte Wand, die kitschige Vase zum strengen Bauhaus-Ambiente. Individuelle Klasse entsteht durch den Mut zum Ausrufezeichen, durch originelle persönliche Details, die uns etwas bedeuten. Sie wirken in jedem Interieur Wunder. Räume werden so zu begehbaren Geschichten, die wir wie auf einer Entdeckungsreise erkunden.

Starke Stoffe setzen Akzente. Damit es dennoch nicht zu bunt wird, setzen erfahrene Einrichtungsexperten auf die Wiederholung von Motiven: wiederauftauchende Farben, Stoffe, Formen oder Texturen. Sie geben der Inneneinrichtung den Halt, den sie braucht, um an andere Stelle ein glitzerndes Feuerwerk abbrennen zu können. Spielend gelingt das Wohntextilien wie dem extravaganten Pepita-Muster, poppigen Kissen, dem außergewöhnliche Farbmix, der jeden Look aus Beliebigkeit und Langeweile holt.

Auch hier haben professionelle Interieur-Spezialisten noch einen heißen Tipp: Nie mehr als drei Farben in einem Raum gleichzeitig inszenieren. Für akribische Gestalter idealerweise in einem Verhältnis von 60, 30, 10. Die Prozentzahlen zeigen die Gewichtung der Töne von dominanter Basisfarbe, Sekundärfarbe und Farbakzenten an, die so ein ausgewogenes Ganzes bilden.

Anregend und inspirierend für den gelungenen Stoffwechsel ist auch das sogenannte Moodboard: eine Sammlung an Farbproben, Tapetenstücken, Materialien, die im Idealfall ein Musterbeispiel abgeben für das  Zusammenspiel aller textilen Faktoren in unseren Lebensräumen. Danach heißt es dann einfach nur: Machen!